Vorwort

Was hier folgt, soll mein persönlicher Anstoß sein, nochmal neu über die merkbar entstandenen Gräben zwischen bisher Geimpften und bisher nicht Geimpften nachzudenken. Mein Standpunkt ist klar – ich bin pro Impfung. Und ich richte mich auch nicht an Impfgegner. Im Text wird ganz klar, um wen und was es mir geht. Ich freue mich über jeden, der sich die Zeit zum Lesen nimmt, und – geimpft oder noch nicht geimpft – seine ganz eigenen Schlüsse daraus zieht.

Danke,

Dr. A.Lux

 

Impfaktion „Geimpft ins neue Jahr“

Die Idee zur heutigen Impfaktion speziell für bisher nicht Geimpfte entstand schon bevor der 27.11. zum landesweiten Impfaktionstag deklariert wurde. Ich hatte das Gefühl, dass wir einen guten Raum bieten müssen, speziell bisher nicht Geimpfte („Un“-Geimpfte klingt so endgültig…mag ich nicht…) in einer ruhigen Atmosphäre, jenseits der Alltags- und Praxishektik, beraten und dann eben auch impfen zu können. Ich gebe zu – noch vor wenigen Wochen hatte ich eine Riesenwut im Bauch- Auf die Zauderer und Abwarter, die Totimpfstoff-Herbeisehner, die Sorglosen, vor allem auch gegenüber den Angst und Unwahrheiten Verbreitenden…schlicht gegenüber „den“ Ungeimpften. Ich habe das auch in Statusmeldungen zum Ausdruck gebracht – es kotzte mich einfach an, nach > 1,5 Jahren vollem Einsatz des ganzen Praxisteams noch immer in der Coronaschleife festzuhängen, und trotz einfachstem Zugang zu Impfangeboten auf eine Sorg- und Interessenlosigkeit zu stoßen.

 

Zum Glück gibt es aber Leute, die mir auch rückmeldeten, dass es eben „den“ Ungeimpften nicht gibt, dass es unterschiedlichste Gründe gibt, noch nicht geimpft zu sein, und – vor allem – dass es ja durch Sprachlosigkeit und Vertiefung entstehender Gräben nicht besser wird. Einer kratzte an meiner Berufsehre mit dem Satz „Das bist doch gar nicht Du in Deinen Statusmeldungen – Du als Arzt willst doch mit bisher nicht Geimpften im Gespräch bleiben! Aber so erreichst Du gar nichts.“ Stimmt. Und darum habe ich heute beim Impftag darum gebeten, einen Fragebogen auszufüllen. Den wiederum hatte ich aus den vielen Gesprächen mit bisher Unsicheren heraus entworfen und von  kürzlich erst geimpften  Menschen verbessern und anpassen lassen.  Diesen Mitbeteiligten hier herzlichen Dank!

 

Der Fragebogen

 

Liebe Impfpatienten am 27.11.21

wir sind eine Praxis, die auch mit bisher nicht Geimpften immer im Kontakt geblieben ist, und dies auch weiter bleiben möchte!

Mit diesem Fragebogen helfen Sie uns besser zu verstehen, warum Menschen sich bisher nicht hatten impfen lassen, nun aber doch dazu bereit sind. Wir möchten gerne noch bessere Berater werden! Es herrscht nämlich zusehends ein Schweigen zwischen Geimpften und bisher nicht Geimpften – und das könnte bleibende Schäden in unserer Gesellschaft, unseren Vereinen und Freundeskreisen auslösen.

Wir schenken Ihnen unseren Samstagmorgen – schenken Sie uns Ihre Antworten?  DANKE!

 

Ich tat mich bisher schwer mit der Impfentscheidung, weil…

(bitte ankreuzen, mehrere und eigene Antworten möglich und erwünscht)

 

  • …mich die klassische mediale Berichterstattung mehr verwirrt hat als dass ich mich aufgeklärt gefühlt hätte und mich die sozialen Medien zusätzlich verunsichert haben
  • …die Gesundheitspolitiker ein wenig Vertrauen erweckendes Bild abgegeben haben
  • …ich gesundheitliche Risiken der Impfung nicht einschätzen konnte
  • …ich im Sommer optimistisch war, dass es auch ohne Impfung gehen könnte
  • …ich ehrlich gesagt bissle zu faul war mich um ´nen Termin zu kümmern
  • …ich mich von oben herab bevormundet fühlte, statt dass man mich „abholt, wo ich bin“ und ich zuletzt aus Trotz dachte „SO NICHT“ oder „NICHT MIT MIR“!
  • Sonstige Gründe, bitte einfach hinschreiben:

 

Ich habe mich nun doch für eine Impfung entschieden, weil...

 

  • ...ich sehe, dass meine Einschätzung vom Sommer zu optimistisch war
  • …ich sehe, dass die Gesellschaft vor einer Zerreißprobe steht
  • …ich mir nun doch Sorgen um meine Gesundheit mache
  • …ich andere um mich herum schützen möchte
  • …mich die Einschränkungen zu sehr belasten und deprimieren
  • …ich mich nicht mehr rechtfertigen möchte
  • Sonstige Gründe, bitte einfach hinschreiben:

 

 

Die Antworten - Teil 1

Was können wir daraus lernen?

 

Zunächst Mal – bisher nicht Geimpfte sind Menschen mit vielfältigen und unterschiedlichsten Hintergründen, Ängsten, Sorgen – eine Binsenweisheit. Klar. Und – wir alle sind dieselben Menschen, die wir vor Corona auch waren. Aber – manche tuen/taten sich mit der Impfentscheidung schwerer als andere. Warum? Mögliche Antworten aus den Fragebögen:

 

Die Sorge um nicht einschätzbare gesundheitliche Risiken stand an erster Stelle, gefolgt von dem Gefühl, durch die Medien nicht gut aufgeklärt zu sein und durch die Unruhe in der Gesundheitspolitik wenig Vertrauen gefasst zu haben.

Die Lehre daraus: Hier sind wir Gesundheitsprofis weiterhin gefragt! Offensichtlich erreichen persönliche (Arzt)Gespräche weiterhin viel mehr als die Medien.

 

Viele gaben auch an, im Sommer das Gefühl gehabt zu haben, wir hätten das Gröbste hinter uns. Tatsächlich gab es  eine Phase, in der die (Landes)politiker sich gegenseitig mit Lockerungen überboten haben – es war ja ein Wahljahr.

Die Lehre daraus: Ein nächstes und hoffentlich letztes Mal muss KONSEQUENT die epidemische Lage bis zum Ende gemeinsam durchgestanden werden, statt wieder frühzeitig die erreichten Erfolge zu gefährden.

 

 

 

Gut ist – niemand gab an, Probleme bei der Terminfindung für eine frühere Impfung gehabt zu haben. Das wäre auch gelogen gewesen! Aber – ein gewisser Trotz gegenüber den jetzt als immer repressiver empfundenen Maßnahmen wurde offen zugegeben.

Die Lehre daraus: Niederschwellige Impfangebote weiter ausbauen -bisher Ungeimpfte nicht Verunglimpfen.  (Ja, ich weiss… da war ich auch mal ne Zeitlang auf dem falschen Dampfer! Und ich bedanke mich ausdrücklich bei denen, die mir das gesteckt haben!)

 

 

Die Antworten - Teil 2

Was können wir daraus lernen?

 

Erstaunlich: Noch vor der Sorge um die eigene Gesundheit, steht die Sorge um die Gesundheit anderer und die Sorge um die Belastungen für die Gesellschaft.  Die Sorge um andere war sogar der zweitwichtigste Beweggrund, sich doch impfen zu lassen!

Die Lehre daraus: Vorsicht mit der Meinung, bisher nicht Geimpfte seien Egoisten.

 

 

 

Sich rechtfertigen zu müssen und die gesellschaftlichen Einschränkungen, waren ebenfalls für viele ein wichtiger, in manchen Fragebögen auch einziger Beweggrund.

Die Lehre daraus: Die Kontaktbeschränkungen und Testpflichten nerven uns ja alle, hier sind wir gesamtgesellschaftlich im gleichen Boot. Da wir uns alle nach Normalität sehnen – jetzt richtig und konsequent handeln. Kontaktbeschränkungen. Auch für bereits Geimpfte. Und diese Zeit nutzen zum Impflücken schließen…

 

Während im 1. Teil des Fragebogens 15 Antworten auf den Optimismus im Sommer entfielen, hatten im 2. Teil nur 5 angegeben, mit ihrer Einschätzung falsch gelegen zu haben. Also nur 1/3 gab zu, sich schlicht verschätzt zu haben.

Die Lehre daraus: Menschen tun sich schwer, gefasste Meinungen zu revidieren. (Und ich kenne das persönlich, da ich ein ziemlicher Dickkopf sein kann…) Auch der in Teil 1 angegebene „Trotz“ ist ja  Vielen von uns gut bekannt! Aber - was ist denn groß dabei, wenn man unter dem Eindruck der jetzt herrschenden Zustände seine bisherige Haltung ändert? Und sei es nur für andere, die Gesellschaft oder die wiedergewonnen Freiheiten? Immer noch mit Gewalt an vielleicht im Sommer noch vertretbaren, aber jetzt überholten Einschätzungen festzuhalten, wirkt doch zunehmend realitätsfern. Ein Rat an alle in der „Fehleinschätzungsfalle“: Nehmt Euch ein Beispiel an Konrad Adenauers „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“…

 

Schlusswort

Der heutige Tag, die Begegnungen, die Dankesworte ans Team für den Sondereinsatz am Samstag, die unglaublich hohe Bereitschaft die Fragebögen auszufüllen (>90% Rücklauf) – wir dürfen nicht aufhören, miteinander im Gespräch zu sein. Wir leben in kleinräumigen Beziehungsgeflechten hier in unserer Region. Wir wollen und werden uns immer wieder begegnen – in unterschiedlichsten Situationen, die unser wunderbares Landleben mit sich bringt. Wir leben nicht anonym vor uns hin – darum sind jetzt entstehende evtl. bleibende Schäden so gefährlich.

Mir ist bewusst, dass manche sich weiterhin nicht impfen lassen werden. Dass einige wenige auch aktiv gegen die Impfungen ins Felde ziehen. Mir ist auch bewusst, dass manche denken, mit einer Impfpflicht wäre es über Nacht anders. Der bessere Weg ist glaube ich ein anderer: Der absolute Großteil der bisher nicht Geimpften ist für Gespräche offen, ringt mit sich, macht es sich nicht leicht. Bleiben wir ansprechbar! Alle!

 

Ich bin nur ein Mal in meinem Leben von einem 5m-Brett gesprungen. Mit einem Freund. Und es war dann gar nicht schlimm. Ich tat es aber nicht gerne, und ich mag es bis heute nicht. Aber bei dem einen Sprung hatte ich jemanden hinter mir auf dem Sprungturm. Danke, Csaba!